Solastalgie
- 28. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Ein Wort, von dem ich wünschte, es würde nicht existieren.

Ich sitze in meiner schlecht isolierten Altbauwohnung. Es ist heiß. Es wird noch heißer. Schon wieder. Das hatten wir doch gerade erst?
Dieses Mal habe ich mich vorbereitet, es war absehbar, es erwischt mich nicht “eiskalt”: Sonnenschutzfolien wurden an die Fenster geklebt, alle Termine, die verschiebbar waren, wurden verschoben, es ist eingekauft, ein Auto zum Abkühlen fahren ist organisiert, die Eiswürfel sind eingefroren. So weit, so gut. Noch wäge ich mich in scheinbarer Arroganz, was meine Vorbereitungen angeht. In ein paar Tagen werde ich mich vermutlich wieder anders fühlen.
Nachrichten aus Frankreich, Spanien, Portugal werden mir ins Feed gespült - Es brennt überall. Erstmals in Europa seit den Wetteraufzeichnungen ist bei einem Brand eine sog. Pyrocumulonimbus entstanden: eine Rauchwolke, die ihr eigenes Wetter entstehen lässt. Sieht nicht gut aus, das Ding. Hunderttausende Menschen müssen fliehen vor den Bränden. Sogenannte Omega-Hochs formen sich - Klingt abstrakt, bedeutet aber lediglich, dass der Jet-Stream, der normalerweise wie ein einigermaßen gestrafftes Band von links nach rechts über Europa weht, eine Ausbuchtung nach oben bekommt und dann aussieht wie der griechische Buchstabe Omega. Und in diesem Omega sammelt sich dann heiße Luft aus der Sahara, statt wie normalerweise, warme Luft von den Azoren (ohne Omega).
Ich erinnere mich an die letzte Hitzewelle, bei der ich an mehreren Tagen weinend in der Wohnung oder im Auto saß. Weinend um die Welt, die um uns herum zerstört wird. Durch Umweltkatastrophen, vermeintlich. Durch uns, nämlich eigentlich. Ich fühlte mich hilflos und klein, ich war traurig, ich war wütend, ich fühlte mich machtlos. In ein paar Tagen werde ich mich vermutlich wieder so fühlen: solastalgisch.
Klingt ungewohnt, dieses Wort. Ich wünschte, es würde überhaupt nicht existieren.
Solastalgie ist eine Art Verlustschmerz. Schmerz darüber, dass das eigene Zuhause, die eigene Umwelt, die Erde als unsere Heimat, zerstört wird, ganz aktuell, im Hier und Jetzt. (Klima-Angst ist ein weiterer Begriff, der mit Solastalgie verwandt ist und immer mehr Anklang findet in psychologischen Diskursen.)
Während Nostalgie als Begriff eine Sehnsucht, manchmal auch einen Schmerz beschreibt, der sich rückwärts richtet, beschreibt Solastalgie gegenwartsbezogene oder zukunftsgerichtete Gefühle. Solastalgie kann auftreten bei Personen, die ihr tatsächliches Haus, ihre tatsächliche Umgebung durch etwa Brände oder Überschwemmung verloren haben - Es kann aber auch ohne diesen gegenwärtigen physischen Verlust auftreten, richtet sich dann meistens mit sorgvollem, trauerndem, wütendem oder ängstlichem Blick in die Zukunft.
Und da sitzt man dann, so wie ich, in einer (zu) heißen Wohnung oder im Auto, absurderweise, und weint um die Welt, die um uns herum kaputt geht. Weinend, wütend, ängstlich, sorgenvoll, machtlos.
Die Köpfe drehen sich dann öfter mal zu mir, fragend und fordernd: “Du bist doch die Psychologin, du musst doch wissen, wie man mit sowas umgeht!”, als hätte ich allein deswegen Antworten auf eine globale Klimakrise und den Gefühlen dazu.
Spoiler: I don’t.
Ich weiß auch nicht immer, was zu tun ist.
Was ich weiß, ist: Trauer will gefühlt werden. Gefühle brauchen Raum.
Klingt banal, ist es aber nicht. Ist nämlich eigentlich ganz schön schwer.
Meiner solastalgischen Trauer in der letzten Hitzewelle habe ich über Weinen Ausdruck verliehen. Über die Suche nach Community, nach Menschen, denen es auch so geht. Meiner solastalgischen Wut habe ich Ausdruck verliehen über Sport: Laufband im klimatisierten Fitnessstudio und einem Boxsack: drauf hauen. Wut ist vor allem Energie, die raus will, so let it out. Die Angst finde ich tricky, denn die zu beruhigen, während es faktisch um uns herum 40 Grad hat, ist nicht leicht und auch etwas hämisch. Und sie ist berechtigt, denn die Gefahren und Bedrohungen sind real und vorhanden.
Und: Eine globale Klimakrise wirst auch du nicht allein lösen können. Niemand von uns kann das. Also: Kleinschrittiger denken. Fokus wieder auf dich lenken: Was kannst du, hier und heute machen, um für dich einen Unterschied in deinem Erleben zu kreieren? Vielleicht weniger mit dem Auto fahren. Öfter mal etwas Veganes kochen. Dich einem lokalen Klimabündnis anschließen. Selbst den nächsten Baum besuchen kann hilfreich sein. Wenn die Welt sich zu groß anfühlt, mach sie klein. Beobachte die Käfer auf der Straße. Hör den Vögeln zu. Schalte die Nachrichten aus.
Solastalgie psychologisch betrachtet ist jedenfalls eine Einladung, psychische Gesundheit nicht isoliert zu betrachten. Denn wir sind nicht isoliert, weder voneinander, noch von der Umwelt. Alles ist mit allem verwoben. Wir sind soziale Wesen und leben in Beziehung mit unserer Umwelt, mit der Natur, mit den Tieren. Und ja, es liegt auch in Schatz in ihr, nämlich das Begreifen, wie wertvoll diese Verbindungen und Verknüpfungen sind. Und vielleicht können wir das Ruder noch rumreißen, ich weiß es nicht.
Für mich heißt es jetzt: Erstmal die nächste Hitzewelle überstehen.


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